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Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR

Dr. Wolfgang Klein


Dieser Leserbrief wurde der Redaktion der FAZ am 09.03.2011 übermittelt, sein Eingang mit e-mail vom 10.03.2011 bestätigt. Er wurde bis heute nicht veröffentlicht und wird deshalb in den Ordner “Nicht veröffentlichte Leserbriefe” aufgenommen. Der unveränderte Text findet sich auch im Hauptverzeichnis meiner Internetseite unter dem gleichen Titel.

W.K.                                                                   04.05.2011

Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion .

In der Nachricht "Ermittlungen gegen SS-Mann", FAZ vom 23.02. 2011 findet sich die Passage "nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juli 1941........". Wenn die Sowjetunion am 22. Juni 1941 überfallen worden wäre, dann nicht von der Deutschen Wehrmacht sondern vom Deutschen Reich. Staaten, die einen anderen Staat überfallen, bedienen sich hierzu regelmäig ihrer Streitkräfte. Verantwortung und Täterschaft liegen in einem solchen Fall beim angreifenden Staat bzw. bei dessen Entscheidungsträgern, nicht bei dessen Streitkräften.  Und von einem Überfall kann im vorliegenden Fall kaum die Rede sein. "Die neuesten Aktenfunde in den Moskauer Archiven belegen nämlich, dass die Sowjetunion ab Ende der 1920er Jahre, besonders intensiv nach dem sogenannten Schwarzen Freitag (Beginn der Weltwirtschaftskrise, 25. Oktober 1929), zum ideologisch bedingten Vernichtungskrieg gegen den Westen massiv aufrüstete. ............   Und Deutschland kam in den Plänen der Bolschewiken für die Weltrevolution die Schlüsselrolle zu, und zwar aufgrund seines Industriepotentials, der Stärke seiner Arbeiterschaft, der künftigen disziplinierten Soldaten der Revolution sowie der geopolitischen Lage im Zentrum Europas. Die Bolschewiken betrachteten Deutschland als den Schlüssel zur Beherrschung Europas. .................   Stalins Rechnung ging im September 1939 auf, der ersehnte Krieg in Mittel- und Westeuropa brach aus.   ...........   Im Frühjahr 1941 war Stalin unbestreitbar dabei, entlang der deutsch-sowjetischen Grenze die größte Invasionsarmee aller Zeiten aufzubauen, um im geeigneten Moment seinen deutschen Verbündeten zu überfallen" (Bogdan Musial: "Stalins Angriffspläne für den Westen" in WELT-online vom 14.03.2008). Der Aufmarsch, und zwar in eindeutiger Angriffs- nicht Verteidigungsaufstellung, reichte von der Ostsee im Norden bis zur sowjetisch-rumänischen Grenze im Süden, wie eine von dem sowjetischen Generalstäbler Viktor Suworow gefertigte Karte mit exakten Angaben über die Positionierung und die Kommandeure der 13 sowjetischen Armeen zeigt (s. Werner Maser "Nach dem Pakt der Diktatoren" in DIE WELT vom 03.09.1993 und Werner Maser "Der Wortbruch, Pour le Merite-Verlag,     D 24236 Selent, 2007; S. 357). Zur Zeit des deutschen Angriffs standen 3,05 Mio deutsche und 750.000 Soldaten der deutschen Verbündeten 4,7 Mio Rotarmisten gegenüber. Das deutsch/sowjetische Kräfteverhältnis betrug bei Flugzeugen 2.510/8.000 bis 9.000, bei Geschützen 7.146/35.000, bei  Panzern 3.648/14.000 bis 15.000 (W. Maser, DIE WELT vom 03.09.1993, wie oben; ganz ähnliche Zahlen bei Joachim Hoffmann: "Stalins Vernichtungskrieg", 8. Auflage, Herbig-Verlag München, 2001, S. 30/31). Hitler ist, daran kann nach heutiger Kenntnis nicht mehr ernsthaft gezweifelt werden, Stalin um ca. 2 bis 3 Wochen zuvorgekommen. Mit anderen Worten: Hier haben zwei Diktatoren - von mir aus nenne man sie auch Strolche - den Angriff auf den jeweils anderen vorbereitet. Der schnellere Strolch hat angefangen. Die Angriffsabsichten Stalins lassen sich  bis auf mindestens 1939 zurückverfolgen (s. oben bei Bogdan Musial; s. oben bei Joachim Hoffmann, Seiten 24-48 einschließlich umfangreichen Quellennachweises), die Hitlers mindestens bis 1937 (Quelle: sogenanntes Hoßbach-Protokoll in H. A. Jacobsen "Der Zweite Weltkrieg in Chronik und Dokumenten", Wehr und Wissen Verlag Darmstadt, 1961, Seiten 97-104). Beide Diktatoren waren ideologisch motiviert. Beider Ideologien waren/sind, vorsichtig ausgedrückt, verwerflich. Für die Bewertung zu berücksichtigen ist, daß die Deutsche Reichsregierung über das Ausmaß der sowjetischen Angriffsvorbereitungen nur unzureichend informiert war. Man wird auch deshalb Hitler nicht einen quasi notwendigen Präventivschlag zugute halten können. De facto war der deutsche Angriff aber, wenn auch ungewollt, ein solcher, wie der spätere, bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion und des sogenannten Ostblocks geführte "Kalte Krieg" eindringlich vor Augen geführt hat. Davor die Augen zu verschließen und unbeirrt weiter vom Deutschen Überfall auf die Sowjetunion zu reden, ist die verschleierte Perpetuierung des unzutreffenden Vorwurfs der deutschen Alleinschuld, sachlich falsch und intellektuell unredlich. Und: was wäre über Europa gekommen, wenn Stalin der Schnellere gewesen wäre ?

Dr. Wolfgang Klein           08.03.2011

 

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